Neue Ziegel gegen den Klimawandel

Interview mit Ava Mulla, Building Pioneers, Mai 2017

Ava Mulla ist Teilnehmerin der Resilience Academy. Hier hat sie Kontakte in und nach Bangladesch knüpfen können. 2015 hat sie ihr Vorhaben vorgestellt und die Teilnehmer der Akademie damit begeistert. Die Münchener Rück Stiftung fördert Building Pioneers. Eine umwelt- und ressourcenschonende Ziegel-Produktion in Bangladesch – und anderswo – ist ein wichtiger Schritt für nachhaltige Entwicklung.

Seit wann leben Sie in Bangladesch und was hat sich seither getan?
Ich bin seit 2015 in Bangladesch mit dem Ziel, die lokale Lehmziegelindustrie zu modernisieren. Ziegel werden hier noch immer auf altertümliche Weise hergestellt. Die Arbeitsbedingungen sind oft harsch und die Produktion ist extrem umweltschädlich – hohe CO2-Emissionen, starke Luftverschmutzung, Abholzung der Wälder und Verlust des fruchtbaren Ackerbodens, was die Lebensmittelsicherheit gefährdet.


Klassische Ziegelbrennereien bei Dhaka, Bangladesch. © Albaab Habib

Sie wollen die Situation verbessern. Wie?
Um diese Probleme zu lösen, habe ich das Sozialunternehmen Building Pioneers gegründet. Wir wollen eine Alternative zu Ziegeln etablieren, die umweltfreundlicher und günstiger ist. CSEB (compressed stabilized earth blocks) schienen all diese Kriterien zu erfüllen. CSEB werden nicht gebrannt, stattdessen wird lehmige Erde mit Zement stabilisiert und in einer Presse verdichtet. Im Vergleich zu herkömmlichen Ziegeln spart das 75% CO2-Emissionen ein und löst das Problem von Entwaldung und Luftverschmutzung. CSEB erleichtern erdbebensicheres Bauen und werden von den Menschen vor Ort akzeptiert.

Sie klingen skeptisch, warum?

Unser CSEB Pilotprojekt 2015/16 hat zwar gute Ergebnisse erzielt, allerdings haben sich einige Annahmen, auf denen unser Geschäftsmodell basiert, als falsch herausgestellt. Darunter die Produktionskosten, Verfügbarkeit von geeigneter Erde und Festigkeitswerte der CSEB im Nass-Zustand. Die ernüchternde Bilanz nach eineinhalb Jahren Arbeit war: CSEB sind ein tolles Produkt, aber leider nicht geeignet für die Bedingungen in Bangladesch.

Ist damit Ihre Idee gescheitert?
Nein, zum Glück nicht. Die Option CSEB ist damit vom Tisch, aber nicht die Mission. Ich mag das Zitat von Benjamin Franklin „I didn’t fail the test. I just found 100 ways to do it wrong“. Ich bin optimistisch, dass wir keine 100 Anläufe brauchen, um ans Ziel zu kommen. Wichtig ist, dass wir kritisch analysieren, warum es nicht funktioniert hat und diese Erkenntnisse im nächsten Schritt anwenden.

Was sind die wesentlichen Erkenntnisse?

Die Schlüsselerkenntnis ist, dass wir eine Lösung ohne Erde finden müssen. Die arbeitsintensive Trocknung von Erde treibt die Produktionskosten in die Höhe, die Komposition der verschiedenen Erden schwankt zu stark, womit die Qualitätskontrolle aufwendig wird. Der Lehmanteil verringert die Festigkeit im Nasszustand und der Abbau vom Unterboden senkt die Flächen ab. Das erhöht  die Wahrscheinlichkeit von Überflutungen. Alles deutet nun auf sandbasierte Hohlblöcke hin. Sand ist in Bangladesch im Überfluss vorhanden.

 
Sandhohlblöcke bieten eine Alternative zu den CSEB. © Ava Mulla

Was ist der nächste Schritt?

Der nächste Schritt ist ein neues Pilotprojekt, um eine Reihe kritischer Annahmen zu testen. Darunter technische Eigenschaften, Produktions- und Konstruktionskosten, Interesse von Ziegelfabrikbesitzern, Akzeptanz von Kunden, Maurern, Architekten etc. Dazu richten wir eine kleine Pilotfabrik ein, testproduzieren Blöcke und bauen ein Musterhaus. Die Anlage besteht aus einem Mischer und einer Presse. Sie kann pro Tag Blöcke für ein bis zwei Häuser produzieren.

Starten die Building Pioneers ganz von vorne, oder gibt es so etwas schon?

Wir kaufen die Maschinen aus Indien, wo die Technologie bereits verbreitet ist, und bringen sie dann auf dem Landweg über die Grenze. Ursprünglich haben wir mit China geliebäugelt, aber der Import per Schiffscontainer wäre aufwendig und teuer. Außerdem macht die Nähe zu Indien für zukünftige Importe auch mehr Sinn. Daneben suchen wir nach einer geeigneten Produktionsstätte und arbeiten an der Firmengründung von Building Pioneers Bangladesch. Eine Außenstelle der deutschen Firma reicht für unser Vorhaben nicht mehr aus. Sobald die Maschinen da sind, geht es endlich richtig los.

Und was steht am Ende des Projekts?

Am Ende des Projekts steht die Umstellung von Ziegelbrennereien in Blockproduktionsstätten und das hoffentlich in großem Maßstab. Immerhin gibt es ca. 8000 Ziegel-Kamine in Bangladesch, das sind rauchspeiende Monster. Wir leisten hier Pionierarbeit. Mit dem erfolgreichen Piloten wollen wir andere überzeugen, uns zu folgen. Unsere neue Rolle wird es dann sein, die Transformation zu unterstützen, z.B. durch Import von Maschinen, Produktionstraining, Qualitätskontrolle und Umschulung von Maurern.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen?
Finanzierung ist immer eine Herausforderung für ein Start-up. Nach dem Rückschlag des ersten Piloten hat es einige Monate gedauert, bis wir uns wieder aufgerappelt haben. Zum Glück haben wir 2016 einen großen Wettbewerb für Sozialunternehmer gewonnen und Unterstützung von der Münchener Rück Stiftung erhalten.

Finanzen sind das eine, welche Hürden begegnen Ihnen noch?
Daneben haben wir es mit einem wahrlich bunten Mix an Herausforderungen zu tun. Bangladesch liegt in der Liste „Ease of doing business“ (Einfachheit für Geschäftstätigkeit) der Weltbank auf Platz 176 von 190. Prozesse sind dort oft intransparent und langwierig. Hinzu kommt Korruption, die leider vieles erschwert. Das ist für mich nicht einfach, weil ich mich strikt weigere, „Speed Money“ zu bezahlen; das verzögert so manchen Prozess erheblich. Meine Prinzipien werden dadurch auf eine harte Probe gestellt, aber bisher habe ich aber immer eine saubere Lösung gefunden. Und das wird auch so bleiben.


Ein Blockhaus aus Sandhohlblöcken. © Ava Mulla

Und wie geht  es nun weiter?

Ich bin auch nach zwei Jahren voller Höhen und Tiefen überzeugt, dass unser Vorhaben richtig und wichtig ist. Unsere Mühen werden sich bald auszahlen. Hoffentlich purzeln zu meinem 31. Geburtstag 2017 viele schöne Baublöcke aus der Presse. Vielleicht steht bis dahin sogar schon ein kleines Häuschen, in dem wir feiern können. Ich bin optimistisch und drücke die Daumen.

RK, 26. Mai 2017
 

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