Accra, Ghana, 6. bis 11. Oktober 2019

Risiko demographischer Wandel – Bevölkerungswachstum muss eine wichtigere Rolle in der Klimadebatte spielen

Sommerakademie “Global Risk Trends – Climate and Demographic Change”

Der Klimawandel wird nahezu alle Länder dieser Welt dazu zwingen, sich an Veränderungen anzupassen: heißere Sommer, zunehmende Starkniederschläge, intensivere Stürme, Verlust an Landesflächen durch Meeresspiegelanstieg, um nur einige zu nennen. Die Länder haben sehr unterschiedliche Potenziale, drohenden Änderungen entgegenzutreten. Diese hängen unter anderem von ökonomischer Schlagkraft, sozialer Stabilität und intakten Ökosystemen ab.


30 Teilnehmer aus aller Welt, darunter, Pakistan, Kenia, Nigeria und Indien zeigten anhand von Fallstudien, welch wichtige Rolle demographischer Wandel in Anpassungsplanungen übernehmen muss.

Die Risiken durch klimatische Veränderungen werden im Kern durch drei Faktoren bestimmt: Gefährdung, Exponierung und Vulnerabilität. Die klimatischen Veränderungen sind für den Grad der Gefährdung wesentlich und werden durch den Weltklimarat (IPCC) sowie das UN-Klimasekretariat (UNFCCC) intensiv analysiert und aufbereitet. Ein Problem ist, dass im Bereich Vulnerabilität große Risikotreiber versteckt sind, die bisher nicht ausreichend in den Risikomodellen abgebildet sind. Diese bilden aber größtenteils die Grundlage für Anpassungsstrategien der Länder. Vereinfacht ausgedrückt: Die nationalen Klima-Anpassungspläne (NAPs) werden derzeit auf teils unrealistischen Zukunftsszenarien aufgebaut. Ein Treiber, der deutlich zu wenig beachtet wird – obwohl er massive Auswirkungen haben kann – ist der demographische Wandel. Hierzu zählen Fragen rund um etwa Geschlecht, Alter, Migration, Bildungslevel und Bevölkerungswachstum. Auf der Sommerakademie 2019 haben wir uns intensiv mit diesen Themen beschäftigt und analysiert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zum demographischen Wandel besser in UNFCCC-Handlungsempfehlungen berücksichtigt werden können.


Benjamin Delali (Universität von Accra, Ghana) erläuterte, wie Bildung dazu beitragen kann, Fertilitätsraten in Afrika zu reduzieren – eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Bevölkerungsentwicklung. Das Bild zeigt Delali im Gespräch mit Koko Warner vom Weltklimasekretariat UNFCCC.

Bevölkerungswachstum und Klimawandel in Accra
Bei einer Exkursion konnten die Teilnehmer vor Ort in Accra sehen, wie die oben genannten Faktoren die Verwundbarkeit (Vulnerabilität) und Widerstandskraft (Resilienz) einer Gesellschaft prägen. Accra ist eine schnell wachsende Stadt mit derzeit rund 1,8 Millionen Einwohnern. Die Preise für Boden und Miete wachsen deutlich schneller als die Einkommen. Deshalb können sich viele Neuankömmlinge die regulären Wohnungen nicht leisten. Ehemalige Subsistenzfarmer, etwa aus dem Norden von Ghana, die dort aufgrund von veränderten klimatischen Umweltbedingungen oder anderen Faktoren keine Landwirtschaft mehr betreiben können, gehören zu dieser Gruppe. Sie siedeln oft in Agbogbloshie, ein informelles, extrem dicht besiedeltes Gebiet in Accra. Agbogbloshie erstreckt sich entlang einer brackigen Lagune. Geduldet von der Stadt, aber nicht gut an urbane Infrastrukturen angeschlossen, sind die Bewohner hier verschiedensten Risiken ausgesetzt: gesundheitliche Risiken durch extreme Umweltverschmutzung, instabile Hausstrukturen, dazu einem hohen Flutrisiko. Die Siedlung befindet sich auf Sedimenten der schrumpfenden Lagune. Vor der Besiedlung hat diese einen natürlichen Flutschutz für die umliegende Stadt geboten. Heute wird bei Extremniederschlägen die ganze Agbogbloshie-Siedlung überflutet.

Zur fehlenden Infrastruktur zählt auch die Abfallentsorgung. Müll ist daher ein weiteres großes Problem. Hausmüll wird häufig in der Lagune entsorgt und fängt sich an den Brücken, die die Lagune überspannen. Dadurch bilden sie eine Art künstlichen Damm, der verhindert, dass Regenwasser oder Flutwellen rechtzeitig ablaufen können. Durch diese Entsorgungslücke erhöht sich die Verwundbarkeit der Bevölkerung gegenüber klimatischen Risiken, in diesem Fall Überflutungen. Und extreme Regenfälle nehmen auch in Ghana zu.


Rund um die Lagune leben heute ca. 40.000 Menschen. In direkter Nachbarschaft befinden sich die Müllberge von Accra. Viele der Bewohner der Lagune verdienen sich hier ihren Lebensunterhalt, indem sie den Müll manuell trennen. Die WHO bezeichnet die Lagune als einen der meist verschmutzen urbanen Lebensräume der Welt. (© Paul Desanker)

Elektroschrott aus Europa als Teil des Problems
Einige hundert Meter aufwärts befindet sich eine Deponie für Elektroschrott, der hauptsächlich aus Nordamerika und Europa stammt. Die Deponie ist in ihren Ausmaßen in den letzten Jahren förmlich explodiert und kann praktisch nicht mehr ordentlich gemanagt werden. Die Bewohner von Agbogbloshie arbeiten hier als Tagesarbeiter und verbrennen den Elektroschrott, auch um Plastik loszuwerden. Übrig bleiben spärliche Reste an Kupfer, Eisen und anderen verkaufbaren Rohstoffen. Beim Verbrennen wird jedoch auch eine Menge an Giftstoffen freigesetzt, die Boden und Luft verpesten. Ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Auswirkungen. Der Sicherheitsbeauftragte der UN-Universität in Accra empfiehlt, sich nicht länger als zwei Stunden am Stück auf der Deponie aufzuhalten, weil sonst gesundheitliche Beeinträchtigungen drohen. Die Arbeiter aus Agbogbloshie verbringen hier aber oft acht Stunden und mehr. Dieses kleine Beispiel zeigt deutlich, dass städtische Anpassungsstrategien versagen. Der Bevölkerungsdruck in Accra verhindert eine bessere Lösung. Klimaveränderungen bedrohen die Menschen in der alten wie auch der neuen Umgebung zunehmend. Aus diesem Grund hebt Prof. Benjamin Delali, Accra Universität, hervor: „Demographischer Wandel inklusive Migration kann nicht wirklich kontrolliert werden, aber er muss besser gemanagt werden“.


Bei einer großen Podiumsdiskussion der Sommerakademie erläuterte der Vizeminister für Bildung, Osei Adutwum, wie Ghana versucht, über Investitionen in Bildung und kostenfreie Schulen, Bevölkerungswachstum zu bremsen. So können Zukunftschancen für die junge Generation verbessert werden. 

Matthias Garschagen (LMU München), Koko Warner und Paul Desanker, beide vom UN-Klimasekretariat UNFCCC, mahnten, dass demographische Veränderungen in den bestehenden UNFCCC-Prozessen noch deutlich unterrepräsentiert sind. Sie lobten die Akademie, da diese nun ein Fenster der Möglichkeiten („Window of Opportunity“) öffnet. Entscheider müssen deutlicher darauf hingewiesen werden, dass Demographie als wichtiger Treiber von Risiken viel stärker in Planungen berücksichtigt werden muss. Die Teilnehmer der Sommerakademie haben Inhalte für einen Brandbrief (Policy Brief) erarbeitet, der Entscheidungsträger unmittelbar auf diese wichtige Lücke hinweisen soll. Das Policy Brief soll bereits beim Klimagipfel COP 25 in Chile in die Debatte eingebracht werden. Denn nachhaltige Lösungen gelingen im Klimawandel nur, wenn der demographische Wandel ausreichend berücksichtigt wird.

 

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Die Akademie 2019 wurde von der Münchener Rück Stiftung gemeinsam mit UNU-EHS aus Bonn, der LMU München und UNU-INRA Ghana in Partnerschaft mit dem Klimasekretariat (UNFCCC) organisiert. Die Exkursion wurde inhaltlich durch die NGO People’s Dialogue begleitet und durch Mitarbeiter der Weltbank mit vorbereitet.

16. Oktober 2019

 

 

 

 

 

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