„Morgen gibt’s Nebeltomaten“ – Leben mit Wasser

Wie Nebelkollektoren Lebensqualität verbessern

Am 16. Oktober 2018 wurde die Nebelnetzanlage am Berg Boutmezguida im Antiatlas eingeweiht. Sie produziert pro Nebeltag etwa 35.000 Liter Trinkwasser, an guten Tagen sogar deutlich mehr. Das verändert das Leben der Menschen am Berg deutlich und schafft neue Perspektiven.

31 neue CloudFisher mit einer Netzfläche von 1.700 Quadratmeter hat der deutsche Industriedesigner Peter Trautwein von der WasserStiftung Ebenhausen zusammen mit dem Team der marokkanischen NGO Dar Si Hmad seit Anfang 2017 aufgestellt. Im Frühjahr 2016 hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Förderung für den Bau der zur Zeit größten Nebelkollektor-Anlage der Welt am Boutmezguida genehmigt. Die Münchener Rück Stiftung ist Projektpartner und übernahm die Hälfte der notwendigen Eigenkapitalleistung.

Die modernen Nebelkollektoren produzieren dringend benötigtes Trinkwasser für über 1.000 Menschen. 25 km Wasserleitungen  versorgen mittlerweile 15 Dörfer. Mehrere Zisternen speichern das Wasser für nebelarme Tage. Die Leitungen sind bis in die Privathäuser verlegt. Das Wasser hat das Leben der Dorfbewohner deutlich verändert: es ist einfacher und lebenswerter geworden. So auch für Familie Ischar.


Familie Ischar und Jamila Bargach von Dar Si Hmad (2. von links) vor dem Haus der Familie. „Unsere Lebensqualität ist jetzt eine ganz andere“, sagt Mutter Salka Ischar (Bildmitte).

Hassan und Salka Ischar leben mit Eltern und Kindern unterhalb des Boutmezgida, die Landschaft ist rau und unwirtlich. Steile Hänge, steinige Wege und mehr als 50 °C im Sommer sind nur einige Herausforderungen, mit denen sich die Menschen am Berg und im Tal auseinandersetzen müssen. Wenigstens ist die Schule der Kinder nicht weit weg und leicht erreichbar. Andere Kinder in der Region müssen tagtäglich stundenlang zum Unterricht laufen. Die Ischars leben direkt an der Wasserleitung der Nebelnetzanlage. Das kleine Wohnhaus hat jetzt einen eigenen Wasseranschluss. „Unser Leben hat sich komplett verändert“, sagt Salka. „Ich habe jetzt viel mehr Zeit für die Familie.“ Frauen und Kinder müssen in der Region nicht mehr stundenlang zum Wasserholen gehen. Nun haben sie viel mehr Zeit, sich um das Haus zu kümmern oder arbeiten zu gehen. Überall gibt es Betriebe, in denen Arganöl aus reifen Früchten gewonnen wird. Die Arganöl-Produktion ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. In den Produktionsstätten arbeiten überwiegend Frauen. 

„Wir bekommen gerade Toiletten und einen Waschraum an unserer Schule“, berichtet die Tochter. „Das hätten wir uns nie träumen lassen.“ Wasser ist besonders für die Kinder, die einen langen Schulweg haben, sehr wichtig. „Saubere Toiletten sind elementar“, sagt Jamila Bargach, „mir geht es aber auch darum, dass die Kinder den Umgang mit Wasser lernen. Das eine ist Hygiene, das andere der sparsame Umgang mit dem seltenen Gut. Ich will an möglichst vielen Schulen kleine Schulgärten aufbauen. Hier können wir Wissen über heimische Pflanzen vermitteln und Naturkundeunterricht geben.“ 


Jamila Bargach und ihr Team in einem Lehrgarten an der Dorfschule. Die Schulkinder werden mit einheimischen Pflanzen vertraut gemacht und müssen den Garten selbst pflegen.

Dar Si Hmad baut an den Schulen der Region Schulgärten auf. Nicht weit vom Haus der Ischars ist ein Lehrgarten und ein Informationszentrum für die Nebelnetztechnologie geplant. Besucher müssen dann nicht mehr den steilen Hang hinauf auf den Berggipfel kommen. Sie können sich in einem Perma-Kulturgarten informieren und zugleich viel über heimische Pflanzen und biologische Kreisläufe lernen.


Hassan Ischar kümmert sich um Haus und Hof. Er wässert jeden Morgen seine Tiere und hat zudem einen kleinen Gemüsegarten angelegt, in dem er Kräuter und Gemüse anbaut. Stolz präsentiert er frische Tomaten.

„Wir brauchen das Wasser auch für unsere Nutztiere. Durstige Esel laufen nicht gut. Und seht nur, ich habe jetzt sogar einen kleinen Garten“, ergänzt Hassan Ischar. Hinter dem Haus ist ein kleiner Kräuter- und Gemüsegarten angelegt, den der Vater sichtbar stolz mit einem Schlauch wässert. Ein Haushalt bezahlt für 1.000 Liter Nebelwasser, das alle Trinkwassernormen der WHO übererfüllt, etwa 40 Eurocents. Die benötigte  Wassermenge wird mit einer Prepaidkarte bezahlt und über einen Wasserzähler abgerechnet. Wenn eine Familie deutlich mehr Wasser verbraucht, wird es teuer. Dann schnellt der Preis pro Kubikmeter nach oben – auf bis zu drei Euro. „So regulieren wir den Wasserverbrauch,“ sagt Jamila Bargach, die das Projekt für die Organisation Dar Si-Hmad aufgebaut hat. „Wenn Wasser nichts kostet, wird es verschwendet. Das haben wir getestet,“ fügt sie hinzu. „Mit den Einnahmen werden wir aber nicht reich. Wir können damit teilweise einen Wasser-Manager bezahlen, der auch die Nebelnetzanlage pflegt. Die Rechnung geht noch nicht einmal auf.“ 

Hinter dem Haus der Ischars wurde eine große Zisterne gebaut, sie fasst 100 Kubikmeter Wasser. „Wir haben in der Nebelzeit oft zu viel Wasser. Pro Tag fließen mehr als 30 Kubikmeter Wasser in die Leitungen, an Spitzentagen sogar deutlich mehr. Überall werden Zisternen nachgerüstet“, erläutert Bargach „Wir wollen schließlich alle CloudFisher, die auf dem Berg sind, ins System einbinden. Gerade sind wir dabei das 16. Dorf an die Leitungen anzuschließen. Und die Nachbartäler haben schon gefragt, wann sie endlich dran sind.“ Die Nachfrage ist groß und mit der größten Nebel-Trinkwasseranlage der Welt hat Dar Si Hmad einen Grundstein zur Wasserversorgung für die Menschen in ariden Gebieten mit Nebel gesetzt. „Morgen gibt es Nebeltomaten“, sagt Hassan mit einem Lachen im Gesicht. „Sonne haben wir hier genug, bisher fehlte nur das Wasser.“

30. Oktober 2018